Das Wichtigste in Kürze
Kräuterkunde ist das Wissen darüber, wie man Pflanzen erkennt, benennt, sammelt, trocknet und in Küche, Tee und Brauchtum verwendet. Ihre Geschichte reicht von den griechischen Pflanzenbüchern des Theophrast und Dioskurides über die Klostergärten des Mittelalters, etwa auf dem karolingischen Klosterplan des Schweizer Gallusklosters um 820, bis zu den großen gedruckten Kräuterbüchern von Brunfels, Bock und Fuchs im 16. Jahrhundert. Bis heute lebt sie auch in Hunderten von Volksnamen weiter.
Lesezeit: etwa 8 Minuten
Inhalt
- Was ist Kräuterkunde?
- Wo beginnt das Kräuterwissen?
- Klostergärten: Wie die Mönche das Kräuterwissen bewahrten
- Die großen Kräuterbücher: Brunfels, Bock und Fuchs
- Volksnamen: Warum ein Kraut viele Namen hat
- Kräuterpfarrer und Hausmischungen
- Kräuterkunde heute: Wissen weitergeben
- Was Sie dafür brauchen
- Häufige Fragen zur Kräuterkunde
Was ist Kräuterkunde?
Wenn ich an meine Kindheit in der Oberpfalz denke, sehe ich meine Oma vor mir, wie sie mit mir jeden Sommer Himbeeren, Schwarzbeeren und Eierschwammerl sammeln ging. Unser Familientee bestand aus Löwenzahn, Brombeer- und Himbeerblättern, Gänseblümchen, Lindenblüten, etwas Brennnessel und Ringelblume. Damals habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht. Heute weiß ich: Das war gelebte Kräuterkunde.
Kräuterkunde ist das Wissen über Pflanzen, das Menschen über Generationen gesammelt und weitergegeben haben. Dazu gehört, eine Pflanze sicher zu erkennen und von giftigen Doppelgängern zu unterscheiden. Dazu gehört zu wissen, wann man sie sammelt, wie man sie trocknet und aufbewahrt, wie sie duftet und schmeckt und welche Rolle sie im Jahreslauf und im Brauchtum spielt. Die wissenschaftliche Schwester der Kräuterkunde ist die Botanik.
Bei uns im Kräuterhof, einem Familienbetrieb mit einer Tradition, die bis 1887 zurückreicht, ist dieses Wissen Teil des Alltags. Und immer wieder stehen Kundinnen und Kunden bei uns und fragen, wie man denn einen offenen Tee aufbrüht oder woran man ein Kraut erkennt. Genau dafür gibt es diesen Ratgeber und die vielen Einzelartikel, auf die er verweist.

Gänseblümchen: als Maßliebchen und Tausendschön bekannt und fester Teil vieler alter Familientees.
Wo beginnt das Kräuterwissen?
Pflanzenwissen ist so alt wie die Menschheit. Aufgeschrieben wurde es aber erst in der Antike. Der Grieche Theophrast, ein Schüler des Aristoteles, verfasste um 300 vor Christus eine Naturgeschichte der Pflanzen. Er beschrieb darin Hunderte Arten, ihren Wuchs, ihre Blüten und Früchte. Man nennt ihn deshalb oft den Vater der Botanik.
Im 1. Jahrhundert nach Christus schrieb der Grieche Dioskurides ein Werk über rund 600 Pflanzen. Es wurde über 1.500 Jahre lang abgeschrieben, übersetzt und kommentiert. Eine prachtvoll bebilderte Abschrift aus der Zeit um 512, der Wiener Dioskurides, gehört heute zu den Schätzen der Österreichischen Nationalbibliothek.
Klostergärten: Wie die Mönche das Kräuterwissen bewahrten
Nach dem Ende des Römischen Reiches waren es vor allem die Klöster, die das alte Wissen bewahrten. Die Regel des heiligen Benedikt, um 529 entstanden, verlangte von den Mönchen Gebet und Arbeit. Zur Arbeit gehörte der Garten. Die Mönche schrieben die antiken Texte ab, tauschten Samen und Pflanzen von Kloster zu Kloster und brachten so viele Kräuter aus dem Mittelmeerraum über die Alpen.
- Capitulare de villis: Um 800 ließ Karl der Große in einer Verordnung für seine Landgüter festhalten, was dort angebaut werden sollte. Die Liste nennt über 70 Kräuter und Gemüse sowie zahlreiche Obstbäume, darunter Salbei, Rosmarin, Liebstöckel, Fenchel und Kümmel.
- Der karolingische Klosterplan: Dieser Bauplan eines idealen Klosters entstand um 820 auf der Insel Reichenau und wird bis heute in der Stiftsbibliothek des Gallusklosters in der Schweiz aufbewahrt. Er zeigt einen eigenen Kräutergarten mit 16 Beeten, unter anderem für Salbei, Raute, Rosmarin, Minze, Liebstöckel, Fenchel, Rosen und Lilien.
- Hortulus: Walahfrid Strabo, Abt des Klosters Reichenau, beschrieb um 840 in einem lateinischen Gedicht die 24 Pflanzen seines Klostergärtchens, vom Salbei über die Raute bis zur Rose.
Im 12. Jahrhundert schrieb die Benediktinerin Hildegard von Bingen über mehr als 200 Pflanzen, Bäume und Gewürze. Viele davon sind bis heute mit ihrem Namen verbunden, mehr dazu lesen Sie in unserem Ratgeber Hildegard von Bingen und ihre Kräuter.

Bertramwurzel: ein altes Gewürz, das durch Hildegard von Bingen bekannt wurde.
Die großen Kräuterbücher: Brunfels, Bock und Fuchs
Mit dem Buchdruck änderte sich alles. Zum ersten Mal konnten Bücher mit Pflanzenbildern in großer Zahl hergestellt werden. Drei Männer aus dem deutschen Südwesten gelten als die „Väter der Botanik“, weil sie die Pflanzen nicht mehr nur aus alten Texten abschrieben, sondern selbst in der Natur beobachteten.
- Otto Brunfels veröffentlichte ab 1530 ein Kräuterbuch, dessen Holzschnitte der Künstler Hans Weiditz nach lebenden Pflanzen gezeichnet hatte. Zum ersten Mal sah man Pflanzen so, wie sie wirklich aussehen, sogar mit welken oder angefressenen Blättern.
- Hieronymus Bock brachte 1539 sein „New Kreütter Buch“ heraus. Er beschrieb die Pflanzen auf Deutsch und so anschaulich, dass man sie draußen wiedererkennen konnte.
- Leonhart Fuchs ließ 1542 sein großes Pflanzenbuch auf Latein und 1543 auf Deutsch drucken, mit über 500 sorgfältigen Holzschnitten. Die Fuchsie wurde später nach ihm benannt.
1588 folgte das umfangreiche Kräuterbuch des Tabernaemontanus, das bis ins 18. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt wurde. Die heutige Ordnung der Pflanzenwelt geht schließlich auf den Schweden Carl von Linné zurück. 1753 gab er jeder Pflanze einen zweiteiligen lateinischen Namen aus Gattung und Art, etwa Plantago lanceolata für den Spitzwegerich. Diese Namen gelten bis heute weltweit.
Volksnamen: Warum ein Kraut viele Namen hat
Lange bevor es lateinische Namen gab, hatten die Menschen ihre eigenen. Und weil jedes Dorf seine Pflanzen ein wenig anders nannte, besitzt manches Kraut Dutzende, manchmal Hunderte Volksnamen. Allein für den Löwenzahn sind im deutschen Sprachraum sehr viele überliefert, von Pusteblume und Kuhblume bis Butterblume und Hundeblume.
Volksnamen erzählen Geschichten. Sie verraten, wie eine Pflanze aussieht, wann sie blüht oder wofür man sie im Haus brauchte:
- Aussehen: Der Löwenzahn hat Blätter mit spitzen Zähnen. Der Spitzwegerich heißt wegen seiner Längsrippen auch Rossrippe.
- Jahreslauf: Das Johanniskraut blüht um den Johannistag am 24. Juni. Der Waldmeister heißt auch Maikraut, weil er in die Maibowle gehört.
- Glaube: Der Frauenmantel erinnert mit seinen faltigen Blättern an den Mantel Mariens. Das Benediktenkraut trägt den Segen schon im Namen.
- Haushalt: Das Labkraut wurde früher beim Käsemachen verwendet, das Zinnkraut zum Scheuern von Zinngeschirr.
- Sagen: Die Schafgarbe heißt botanisch Achillea, nach dem griechischen Helden Achilles.
Gerade weil Volksnamen so verschieden sind, können sie auch verwirren. Benediktenkraut etwa heißt nicht nur die gesegnete Distel, sondern in alten Büchern auch die Nelkenwurz. Beim Sammeln und Kaufen ist deshalb der botanische Name die sichere Wahl.

Theriak-Pulver: eine Mischung nach einem jahrhundertealten Vorbild aus vielen Kräutern und Gewürzen.
Kräuterpfarrer und Hausmischungen
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert trugen vor allem Pfarrer das Kräuterwissen in die Breite. Sebastian Kneipp aus Wörishofen machte Kräutertees und Wassergüsse in ganz Deutschland bekannt. In der Schweiz schrieb Pfarrer Johann Künzle 1911 sein Büchlein „Chrut und Uchrut“, also „Kraut und Unkraut“, das in unzähligen Auflagen verkauft wurde. Seine Geschichte erzählen wir im Ratgeber Kräuterpfarrer Künzle.
Zur gleichen Zeit lebten in fast jeder Familie eigene Hausmischungen, deren Rezepte von der Großmutter an die Enkelin weitergegeben wurden. Berühmte Mischungen wie der Theriak oder die Schwedenkräuter zeigen, wie lange solche Rezepturen überdauern können.
Sabines Tipp
Fragen Sie Ihre Eltern und Großeltern, wie sie die Kräuter am Wegrand genannt haben, und schreiben Sie es auf. Ich habe mir dafür ein kleines Heft angelegt: links der Volksname aus der Familie, rechts der botanische Name, dazu ein gepresstes Blatt. So geht dieses Wissen nicht verloren, und die Enkel blättern später gern darin.
Kräuterkunde heute: Wissen weitergeben
Heute erlebt die Kräuterkunde eine schöne Wiederentdeckung. Viele unserer Kundinnen und Kunden erzählen, dass sie mit ihren Kindern oder Enkeln Kräuter sammeln, trocknen und eigenen Tee mischen. Wenn Sie selbst anfangen möchten, empfehlen wir diese Schritte:
- Wenige Pflanzen gut kennen: Beginnen Sie mit fünf bis zehn Kräutern, die sich kaum verwechseln lassen, etwa Brennnessel, Löwenzahn, Gänseblümchen, Spitzwegerich und Schafgarbe.
- Richtig sammeln: Nur nehmen, was Sie sicher erkennen, nur kleine Mengen für den eigenen Bedarf und nie in Naturschutzgebieten. Mehr dazu im Ratgeber Wildkräuter sammeln.
- Schonend trocknen: Schattig, luftig und nicht zu warm. Wie das geht, zeigt unser Ratgeber Kräuter trocknen.
- Brauchtum erleben: Binden Sie zu Mariä Himmelfahrt einen Kräuterbuschen oder lesen Sie mehr über die Kräuterbräuche im Jahreskreis.

Schwedenkräuteransatz: eine traditionsreiche Bittermischung, die bis heute selbst angesetzt wird.
Was Sie dafür brauchen
7 KräuterteeAlte Hausmischung aus sieben KräuternAnsehen
GänseblümchenWiesenblüten für einen zarten TeeAnsehen
Bertramwurzel geschnittenAltes Gewürz, bekannt durch Hildegard von BingenAnsehen
QuendelkrautWilder Thymian für Küche und TeeAnsehen
Theriak-PulverMischung nach altem VorbildAnsehen
Schwedenkräuteransatz für 2 LiterTraditionelle Bittermischung zum AnsetzenAnsehenHäufige Fragen zur Kräuterkunde
Was versteht man unter Kräuterkunde?
Das überlieferte und erforschte Wissen über Kräuter: wie man sie erkennt und benennt, wann und wie man sie sammelt, trocknet und lagert und wie man sie in Küche, Tee und Brauchtum verwendet.
Wer schrieb die ersten Kräuterbücher?
Die ältesten erhaltenen Pflanzenbücher stammen aus der Antike, von Theophrast und Dioskurides. Die ersten großen gedruckten Kräuterbücher in deutscher Sprache entstanden im 16. Jahrhundert, verfasst von Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs.
Welche Kräuter wuchsen in mittelalterlichen Klostergärten?
Der karolingische Klosterplan des Gallusklosters aus der Zeit um 820 nennt unter anderem Salbei, Raute, Rosmarin, Minze, Liebstöckel, Fenchel, Kreuzkümmel, Rosen und Lilien. Viele dieser Kräuter kamen über die Klöster aus dem Mittelmeerraum nach Mitteleuropa.
Warum haben Kräuter so viele Namen?
Jede Gegend gab ihren Pflanzen eigene Namen, die vom Aussehen, der Blütezeit oder einem Brauch erzählen. Erst Carl von Linné führte 1753 die einheitlichen zweiteiligen lateinischen Namen ein, die bis heute gelten.
Wie fange ich mit Kräuterkunde an?
Lernen Sie zuerst wenige, leicht erkennbare Kräuter gut kennen, etwa Brennnessel, Löwenzahn und Gänseblümchen. Ein gutes Bestimmungsbuch, eine geführte Kräuterwanderung und ein eigenes Kräuterheft helfen sehr.